Oberlehrer?

Warum ich nicht ein Dogma gegen ein anderes tauschen will

Ich habe einen Bekannten, der hat eine etwas eigenwillige Freizeitbeschäftigung. Wenn ihm langweilig ist, dann sucht er sich einen Beitrag, an dem sich garantiert die Geister scheiden, und postet ihn auf Facebook. Dann holt er sich eine Tüte Popcorn und sieht zu, wie sich die Facebookjünger verbal die Kommentare um die Ohren hauen. Ist jedenfalls deutlich interessanter wie das Dschungelcamp, das muss ich ihm lassen.

Beim letzten Mal ging es um folgendes Filmchen:


Beitrag von Killuminati

Habt Ihr es durch? Noch nicht? Aber jetzt, oder. Klasse Video, oder? Und so wahr! Und nun, ab morgen kauft Ihr nichts mehr ein, spendet Euer Geld und produziert kein Müll und esst nur noch vegan? Warum nicht?

Ich persönlich weigere mich, ein Dogma gegen ein anderes zu tauschen. Derartige Filme haben auf mich die gleiche Wirkung wie die Bilder von Kindersärgen und zerfressenen Lungen auf Zigarettenschachteln auf Raucher – nämlich keine. Sie halten den erhobenen Zeigefinger hoch, zeigen aber für den Normalbürger keinerlei verwertbare Informationen auf:

Oberlehrer?

Wart Ihr mal ein paar Tage, gerne auch ökologisch korrekt mit Fahrrad oder unterwegs? Wie seid Ihr an Eure Getränke gekommen? Habt Ihr irgendwo geklingelt und gefragt, ob Ihr Wasser für Eure mitgebrachte, fair gehandelte und ökologisch korrekt hergestellte Trinkflasche bekommt? Manchmal sind wird einfach schon durch die äusseren Lebensumstände dazu gezwungen, nicht den besten Weg gehen zu können. Trotzdem verbietet uns niemand, die gekaufte Wasserflasche abends mit Wasser aus der Leitung zu füllen und so wenigstens etwas Müll zu sparen. Lasst Euch doch bitte nicht von den Oberlehrern mit den erhobenen Zeigefingern irre machen, denn kleine Schritte in die richtige Richtung sind besser wie keine.

Minimalisten, Vegetarier und Veganer

Ich bin von einer grossen Wohnung in eine kleine gezogen und habe jede Menge ungenutzte Dinge verkauft, verschenkt und auch weggeschmissen. Das war wirklich befreiend. Aber da gibt es die Minimalisten, die predigen, 100 Dinge zu besitzen sei genug. Nun habe ich bereits an die 60 Teile in der Fototasche, da Fotografieren einfach mein Hobby ist. Und mit drei Unterhosen mag ich auch nicht auskommen, ganz einfach schon, weil ich keine Lust habe, alle drei Tage zu waschen.

Und dann die Veganer. Durchtrainierte, attraktive Personen, präsentieren ihr neustes Buch über ihr glückliches, fleischloses Leben. Max Mustermann sitzt derweil mit schlechtem Gewissen daheim, weil er halt mal wieder zu Bier und Fleisch vom Grill gegriffen hat und denkt an die Schockbilder von toten Tierkadavern aus den Schlachthäusern. Warum nicht einfacher weniger Fleisch essen und vom gesparten Geld qualitativ hochwertigeres vom Bauer um die Ecke kaufen?

Ich finde, wir sollten uns nicht ständig von allen Seiten ein schlechtes Gewissen einreden lassen. Das demotiviert und hemmt einen machbaren Wandel damit nur. Kleine Schritte sind besser wie keine. Wem das Leitungswasser nicht schmeckt, dem kann ich ein Britta-Filter empfehlen. Fleisch jeden Tag muss nicht sein, mann kann z.B. einfach mal einen Berg Gemüse mit Zwiebeln deftig anbraten. Wenn ein neues Smartphone nötig wird, kann man das alte bei ebay und Co. weiter verkaufen. Ebenso die ganzen sonstigen Gadgets, die nicht mehr genutzt werden.

Die Welt ist einfach nicht nur schwarz und weiss. Wer den totalen Zuckerverzicht von heute auf morgen nicht schafft, kann erst mal klein anfangen und z.B. nach 12:00 Uhr kein Zucker mehr essen. Wenn ihr was ändern wollt, ändert es, so gut es eben geht und lasst Euch von Rückschlägen nicht ins Bockshorn laden.

Toleranz bitte!

Üben wir uns doch bitte in gegenseitiger Toleranz. Wer 100% vegan oder zuckerfei lebt, hat meinen grössten Respekt. Wer schöne Orte gerne Kraftorte nennen will, der soll das ruhig tun. Akzeptiert aber bitte auch umgekehrt, dass ich mir keine Steinchen in die Hemdtaschen stecken werde, um mich vor schlechter Strahlung zu schützen.

toleranz-bitte

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